"Irgendwann musst du nach Biel". Schon mancher Läuferin und manchem Läufer sind diese Worte schon zu Ohren gekommen. Dieses magische "Irgendwann musst du nach Biel" war manchen späteren Finishern über Jahre im Ohr bei Training und Vorbereitung, bis sie eines Tages selbst während dieser mystisch anmutenden Nacht sich Schritt für Schritt, Meter für Meter, auf diese einst so unendlich weit entfernt scheinende Ziellinie zu bewegten, mit deren Überquerung sie endgültig in einem neuen Lebensabschnitt angekommen waren, im Lebensabschnitt der Ultraläuferin oder Ultraläufers.

Nicht alle wissen wohl, woher "Irgendwann musst du nach Biel" stammt. Es war der Titel der "Notizen eines 100-Kilometer-Läufers", welche der Läufer Werner Sonntag geschrieben hat. Ein kleines und unscheinbares Buch:


Fast wäre dieses Buch gar nie erschienen. Sonntag wollte in seinem Buch literarisch verpackt über das Laufen als ein nach-innen-Laufen berichten, von der Wahrnehmung des Selbst, von der Beschäftigung mit innerseelischen Prozessen berichten, zunächst unter dem etwas farblosen Titel "Hundert Kilometer Biel". Doch vorerst erhielt er nur Absagen von den Verlagen. 1978 erschien das Buch dann schliesslich doch noch. Und nicht zuletzt der überarbeitete Titel "Irgendwann musst du nach Biel", welcher schnell zum geflügelten Wort wurde, machten es zu einem Kultbuch, das noch mehrmals neu aufgelegt wurde.

Inzwischen ist das Buch längst vergriffen und nicht mehr erhältlich. Nur mit Glück kommt man noch an ein Exemplar heran. Irgendwie hat sich die Kernbotschaft aber ohnehin aus dem Buch heraus verselbständigt, hat das Gedruckte überflüssig gemacht, hat dazu beigetragen den Wert des Laufens über das Körpertraining hinaus wahrzunehmen, das Laufen als seelischen Ausgleich, die stresslösende und meditativ wirkende Gleichförmigkeit der Laufbewegung, und hat dazu beigetragen, dass der Wirkung des Laufens auf die psychische Gesunderhaltung ein mindestens ebenso grosser Stellenwert beigemessen wird wie der physischen. Und ebenso hat sich auch das magisch-rätselhaft-beschwörende "Irgendwann musst du nach Biel" längst weit über das Gedruckte hinaus verselbständigt.

Werner Sonntag war kein Kämpfer um Rang 1, 2 oder 3 (zumindest nicht was die Gesamtrangliste angeht, in höheren Alterskategorien belegte er natürlich oft Spitzenränge). Werner Sonntag ist ein Läufer aus der grossen Masse, einer von vielen, welche auf einem ganz individuellen und persönlichen Weg zu immer längeren Laufstrecken gefunden haben. Anno 1966 verordnete der Neurologe Dr. Dieter Maisch in Kirchheim unter Teck seinem Patienten Werner Sonntag, der an Migräne litt, zweierlei, nämlich Medikamente und ausdauernde Bewegung. Unter Berufung auf Dr. Ernst van Aaken, den "Laufdoktor" aus Waldniel, sollte das Training im Laufschritt absolviert werden. Sonntag, 39-jährig, folgte dem ärztlichen Rat und machte die therapeutisch wertvolle Erfahrung: "Migräne-Anfälle nach Aufnahme des Lauftrainings schwächer, Absetzung von Medikamenten möglich, zur Kupierung eines Migräne-Anfalls genügte ein Glas Bier, schliesslich auch kein Migräne-Anfall mehr."

Auf eine praktische Anleitung für seinen Selbstversuch hatte Sonntag nicht zurückgreifen können. Die Annahme, von Anfang an so lange und so schnell wie möglich laufen zu müssen, teilte er mit vielen Anfängern seiner Zeit. Der Motivation tat es zum Glück keinen Abbruch. Vielmehr wirkte die Ankündigung des 1. Stuttgarter Volkslaufs für das Frühjahr 1967 als weiterer sportlicher Anreiz.

Bereits 1 Jahr später, 1968, lief Sonntag seinen ersten Marathon. Nach etlichen weiteren Marathonläufen in den Beinen ("Der Mensch geht bis an die Grenze, und offenbar braucht er das") fand sich eine neue, eine "Riesenherausforderung": der 100-km-Lauf von Biel. Maisch hatte Sonntag davon erzählt - als Laufkameraden nannten sich beide längst Dieter und Werner. Doch wie bereitet man sich vor? Einmal trainierte Sonntag bis 60 km am Stück – eine, wie er fand, langweilige Angelegenheit. Am Tag X im Jahre 1972 ging er dann, vorsichtig geworden, bedacht und ökonomisch zu Werke: im Wechsel von Marsch- und Laufschritt. Dennoch hatte er im Ziel "erst einmal die Nase voll" und pausierte 3 Jahre lang über die Ultradistanz, um danach durchzustarten. Er absolvierte Spartathlon und Deutschlandlauf. Rund 30 Mal nahm er am 100km Lauf in Biel teil, unter anderem auch 2007, als er mit 81 Jahren ältester Finisher war.

Nur wer einmal bei Sternenhimmel und Mondschein die 100 Kilometer unter die Füsse genommen hat, kann ermessen, wie phantastisch das Laufen in der Nacht sein kann. Das Bett mit der Strasse tauschen, dem Nachtleben der Natur frönen, das ist und bleibt einmalig. Das muss man erleben.

Werner Sonntag's Website → www.laufen-und-leben.de

Zum Jubiläumslauf 2008 hat Werner Sonntag das Buch "Bieler Juni-Nächte" herausgegeben, welches sich insbesondere an Erststarter richtet:

Werner Sonntag : Bieler Juni-Nächte

Werner Sonntag verlegt und vertreibt das Buch selbst, Bestellungen deshalb an laufenundleben(at)t-online.de beziehungsweise Verlag Laufen und Leben, Königsberger Str. 12, D-73760 Ostfildern.

Weitere 20 Bielgeschichten sind bei der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung DUV unter dem Titel "Irgendwann warst du in Biel" als Buch erschienen.

letzte Änderung: 14.02.15