Angefangen hatte das Ganze eigentlich ohne grosse Ambitionen. 1959 kamen vier sportbegeisterte Mitglieder des Offiziersvereins Biel - darunter auch der Gründungspräsident des Organisationskomitees, Oberst Franz Reist - auf die Idee, als sportliche Herausforderung 100 Kilometer zu Fuss so schnell als möglich zurückzulegen.

Ganz ohne Erfahrungen sind die Begründer des 100-km-Laufes von Biel dabei nicht gewesen. In den Schweizer Offiziersschulen war es schon seit langem Tradition, als Abschluss der Ausbildung einen Marsch über 100 Kilometer zu absolvieren. Offenbar hatten da einige an solch langen Strecken so sehr gefallen gefunden, dass sie sich der Herausforderung ein weiteres Mal stellen wollten, diesmal jedoch in privatem Rahmen.

Am ersten Lauf, der nur im Freundeskreis ausgeschrieben war, nahmen am 13. November 1959 schliesslich 35 Läufer teil. Oberstes Ziel: ankommen, Nebenziel: so schnell wie möglich ankommen. Die Organisation war auch entsprechend einfach. Ein weit versprengtes Teilnehmerfeld lief und marschierte durch das Berner Seeland. Zur Minimierung des Risikos mussten immer zwei und zwei Teilnehmer zusammen laufen. Hans Ruch benötigte als erster Sieger 13 Stunden und 45 Minuten. Von den 35 Gestarteten erreichten 22 das Ziel.
Rangliste 1. Bieler 100km Lauf

Wie die Rangliste von 1959 zeigt, ist Hans Seiler (zeitgleich mit Hans Ruch) ebenfalls mit 1. Rang aufgeführt. Die beiden waren wie alle anderen als Zweierteam unterwegs und es ist wohl eher zufällig, dass schliesslich Hans Ruch zum ersten Sieger erklärt wurde.

Nach der erfolgreichen Durchführung der Veranstaltung im Jahr 1959 bedurfte es nur noch des Steins des Anstosses zur Initiative, eine entsprechende Breitensport-Veranstaltung ins Leben zu rufen. Schnell war der Ehrgeiz der Teilnehmer geweckt, noch schneller und noch schneller die 100km zurück zu legen. Was aus einem Marsch heraus begann wurde schnell zu einer richtigen Laufsportveranstaltung, über die unglaublich lange Distanz von 100 Kilometern. Zwar gab es in der Schweiz bereits in den fünfziger Jahren mehrere Volksläufe über 10 und 20 Kilometer, Marathonwettkämpfe wurden aber, wie in den übrigen europäischen Ländern, nur sporadisch veranstaltet. Ein 100 km Lauf aber galt damals noch als eine die Kräfte eines Läufers übersteigende Disziplin.

Aus diesem Versuch, einen 100-km-Lauf auch einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, ist eine Tradition geworden, die nun schon mehr als 50 Jahre andauert.

Schon früh waren auch die Frauen mit dabei, beim 4. Lauf im Jahr 1962 traf Käthi Knuchel aus Biel als Siegerin im Ziel ein.

Von wenigen Individualisten gegründet, entwickelte sich der 100-km-Lauf von Biel rasch zu einer sportlichen Massenveranstaltung. 1965 waren es 1965 schon über 500 Teilnehmer, 1968 wurde bereits die 1000-Grenze überschritten.

Bei der ersten Austragung 1959 war die Siegerzeit 13 Stunden 45 Minuten. 1974, also 15 Jahre später, erreichte die schnellste Frau das Ziel knapp unter 10 Stunden und der schnellste Mann knapp unter 7 Stunden.
Siegerlisten 100 km Biel → wikipedia.org

Vom Sportverein Staufenberg (DE) nahm 1970 eine Gruppe von 5 Läuferinnen und Läufern am Bieler 100 km Lauf teil:




Die beiden folgenden Bilder zeigen den Ultrawalker Ulrich Kamm unterwegs auf der 100km Strecke in den Jahren 1971 und 1976:






1978 (also nur 20 Jahre nach dem Beginn) waren es sogar schon über 4000 Teilnehmer. Nachdem Ultraläufe mit der Zeit immer verbreiterter wurden, fanden sich nach den 80er Jahren jeweils nicht mehr ganz so viele LäuferInnen in Biel ein, meist zwischen 1500 und 3000 Startende. Viele davon sind Stammgäste und kommen Jahr für Jahr wieder, manche überquerten schon 20 Mal oder mehr als Finisher das Ziel.

Ein Grossteil der Läuferinnen legt die ganze Strecke, oder zumindest ein möglichst grosser Teil davon, im Dauerlauf zurück. Noch immer ist aber auch die ursprüngliche Tradition des Marschierens lebendig und ein ansehnlicher Teil marschiert vom ersten bis zu letzten Kilometer durch. Um vor dem Zielschluss nach 21 Stunden Laufzeit wieder in Biel zurück zu sein, ist eine respektable Durchschnittsgeschwindigkeit von mindestens 5 km/h notwendig (bei 1h Zeit für Pausen).

Durch die rasch steigende Popularität der Ultra-Langstreckenläufe folgten dann auch wissenschaftliche Arbeiten zu diesem Thema. Ganz spezifisch mit dem 100km Lauf von Biel befasst sich diese Diplomarbeit:
100km Biel, Werner Furer, 1982
 
Von der heutigen Warte aus mit mehr als 3 Jahrzehnten Abstand lässt sich in dieser umfangreichen und detaillierten Arbeit viel Interessantes finden, zum Beispiel "Sehr viele Läufer äusserten sich entrüstet über die wenigen Posten und die zum Teil enormen Abstände". Zwischen den Posten lagen nämlich bis zu 25km Laufstrecke und insgesamt gab unterwegs nur gerade 6 offizielle Verpflegungsposten (wo sich übrigens damals die Getränke Rivella und Ovomaltine grosser Beliebtheit erfreuten).

Die Streckenlänge betrug bei jeder Austragung 100km (so genau sich das jeweils ermitteln liess). Grundsätzlich war auch der Rundkurs immer in einer einzigen grossen Schleife angelegt. In grösseren oder kleineren Abschnitten wurden jedoch gelegentlich Änderungen vorgenommen. Hier ist beispielsweise der Streckenplan der 30. Austragung (welcher mir Alex aus Köln gemailt hat):
Streckenplan 1988

Über viele Jahre war das Bieler Eisstadion zentraler Dreh- und Angelpunkt mit Start und Zieleinlauf. Früher standen die langen Holzbänke dicht gedrängt auf der "Eisfläche" und aus dem emsigen Treiben steigt eine hallenfüllende DUL-X Wolke auf, wie sich ältere Teilnehmer wohl noch etwas wehmütig zurückerinnern werden. Später nahmen mehr und mehr die Anmeldung, Startnummern-Ausgabe, Massageservice und Ausstellungsflächen die Halle ein, während die Garderobe in der Curlinghalle angesiedelt wurde. Dennoch blieb das fast ein bisschen surreal wirkende Treiben in der Eishockeyhalle etwas ganz besonderes - bis der 100km Lauf schliesslich 2011 wegen bevorstehendem Abbruch aus der Halle ausziehen musste. Das Bieler Eisstadion 2008:



Ebenfalls über viele Jahre war die Kollektiv-Unterkunft Sahligut für etliche Läufer eng verknüpft mit der Teilnahme am 100km Lauf. Nach eine Umnutzung des Bunker-Untersgeschosses steht diese Unterkunft seit 2018 nicht mehr zur Verfügung und ist nunmehr Geschichte.
Ehemalige Kollektiv-Unterkunft Sahligut


Eine langjährige Tradition ist auch die Verankerung des 100 km Laufs bei der lokalen Bevölkerung. Nicht nur dass Abertausende als Zuschauer die Strecke säumen. Um für die Teilnehmenden die notwendigen Leistungen erbringen zu können, arbeiten Hunderte von Freiwilligen zusammen, viele verzichten auf den Schlaf, um über viele Stunden an ihren Posten ausharren.

Allen zusammen, den Gründern, den Organisatoren und Helfern, den Sponsoren und den Läuferinnen und Läufern ist es gelungen den Geist von Biel über ein halbes Jahrhundert wach zu halten, so dass 2018 die 60. Austragung stattfinden kann. Und es ist noch kein Ende absehbar.


letzte Änderung: 02.08.18